Liebes 100. Heimjournal! – Du Nachfolger der „Nachrichten Altenpflegeheim Obertor“!

Artikel aus dem Heimjournal Nr. 100 (Frühjahr 2016)

Mit der 100. Ausgabe bist du satt im neuen Jahrtausend angekommen.

Wir können durch dich die unaufhaltsame Wandlung vom Altenheim zum Pflegeheim verfolgen.

1987 gab es den seit Jahren anhaltenden schlechten Ruf des Obertors in der Stadt immer noch. Das Leben im Obertor galt kaum akzeptabel, kein netter Umgangston, schlechtes Essen . . . um nur einige Punkte zu nennen. Obwohl die Mitarbeiter Vieles verbessert hatten, hielt sich der schlechte Ruf. Ursache hierfür war auch, dass viele, die das Heim aus eigenen Kindertagen besuchten, an diesen Erinnerungen festhielten und sie weitererzählten.

Als Repräsentant des Esslinger Sozialwesens hat das Obertor in den Jahren viele Fäden gesponnen: Es ist wichtig für die Esslinger Bürger, aber auch für eine Delegation aus Japan, die sich für die Einführung der Pflegeversicherung Rat aus der Praxis holte. Sie trafen auf allerlei Besonderheiten, z.B. auf eine 100 jährige Lehrerin in ihrem Bett, was sie fassungslos ins Staunen versetzte.

Das Heim ist ein Sammelsurium von Helfenden und Hilfsbedürftigen, zeigt es doch den Wandel in der Gesellschaft an. In der Nummer 1 der Nachrichten ist von rüstigen und behinderten Bewohnern bei den Angeboten die Rede. Nicht aber über Demenz. Die einen haben mit den anderen auf einem Flur gelebt – in 30 Jahren immer ein Kritikpunkt. „ Die“ wollte man nicht haben. Beim Aus- der- Tür- treten ist man sich begegnet.

Die gutsituierten Mittelständler auf der Sonnenseite bekamen ihr Zimmer in den Bereichen Erdgeschoss und Neubau I (zum Teil). Neubau I nannte sich Leichtkrankenstation. Im Altbau gab es damals Vierbettzimmer, z.T. mit fünffach Belegung.

Jung und Alt begegneten sich schon immer im Obertor. In der Weihnachtszeit kamen Schulklassen, Kindergärten, Gesangvereine und Chöre, um den Bewohnern eine kleine Freude zu machen.

Damals hätte kein Bewohner gewagt, fundiert Kritik zu äußern. In der 100. Ausgabe berichtet der QM-Beauftragte von der Auswertung der Antworten der Bewohner und deren Zufriedenheit mit der Dienstleistung Pflege und Betreuung. Es gibt jetzt Beschwerdeformulare, die dafür sorgen, dass jeder seine Kritik äußern kann und sich etwas ändert, wenn man Kritik äußert.

Es ist in der Nr. 1 der „Nachrichten“ nicht erkennbar, wer die Artikel geschrieben hat. Heute steht unter jedem Artikel Bild und Namen der bis zu 20 unterschiedlichen Autorinnen bzw. des Autoren.

Allgemeine Abhandlungen nehmen zu, während der persönliche Bezug langsam verschwindet. Das Heimjournal ist Repräsentant einer sich wandelnden Einstellung: wir sind Dienstleister, zur ersten Ausgabe 1987 war Altenpflege ein Dienst.

Heute vertreten 3 verschiedene Standorte die Städtischen Pflegeheime, die den Wandel und den Bedarf der Gesellschaft zeigen. Zwei weitere Heime sind im Bau, denn die Zunahme derer, die umfassenden Pflegebedarf haben, steigt weiter.

Die Gemeinderäte bekamen die Zeitung regelmäßig, ebenso alle Ämter der Stadt und alle wichtigen Esslinger – insgesamt 200 Exemplare.

Heute haben wir eine Auflage von 1000 Exemplaren und versenden davon allein 300 Exemplare nach Esslingen, Stuttgart, Berlin und sogar nach Australien zu einer ehemaligen Angehörigen. Für sie ist das dreimal im Jahr erscheinende Heimjournal ein freundlicher Gruß aus der Heimat, den sie mit einer Spende ausgleicht.

An dieser Zahl und der Zunahme von Interessenten in jedem Jahr ist zu erkennen, dass das unverminderte Interesse dazu führt, dass auch weiterhin viel Kraft in eine weitere Verbesserung fließt.

Wir befinden uns also erst auf einem Weg, nicht am Ziel.        

Renate Wiesnagrotzki
Heimleitung in der Zeit von 1987 – 2010